Tragflügelboote · Hydrofoils

Fliegen auf dem Wasser.

Ein Flügel unter Wasser hebt den Rumpf aus den Wellen. Was wie eine Erfindung des modernen Boardsports wirkt, hat eine über hundertjährige Geschichte – mit einem bemerkenswerten deutschen Kapitel an der Elbe.

HydrodynamikSchertel & SachsenbergElbePump-FoilFoiling-Segeln
01 · Prinzip

Ein Flugzeugflügel – nur dichter.

Ein Hydrofoil ist ein strömungsgünstiges Profil unter Wasser. Mit wachsender Fahrt erzeugt es Auftrieb. Weil Wasser rund 800-mal dichter als Luft ist, genügen vergleichsweise kleine Flächen, um große Kräfte zu erzeugen.

SCHRITT 01

Langsam: Verdrängerfahrt

Der Rumpf trägt das Gewicht. Große benetzte Fläche und die vom Schiff erzeugten Wellen verursachen Widerstand.

SCHRITT 02

Schneller: Auftrieb wächst

Der Tragflügel erzeugt mit steigender Geschwindigkeit immer mehr dynamischen Auftrieb. Der Rumpf kommt höher aus dem Wasser.

SCHRITT 03

Foilborne: Rumpf frei

Fast nur noch Streben und Flügel schneiden durchs Wasser. Rumpf-Reibung und Wellenbildung sinken stark – der Preis ist zusätzlicher Foil-Widerstand und technische Komplexität.

Auftrieb:  L = ½ · ρ · v² · S · CL
illustrative Animation – kein konkreter Schiffstyp
02 · Geschichte

Deutschland war früh dabei.

Der Ursprung ist international – doch Hanns von Schertel und die Sachsenberg-Werft in Roßlau an der Elbe machten das Tragflügelprinzip in den 1930er-Jahren zu einem systematisch entwickelten Schiffskonzept.

1906

Forlanini zeigt, dass es funktioniert

Der Italiener Enrico Forlanini demonstriert ein funktionsfähiges Tragflügelboot auf dem Lago Maggiore. Die Idee ist älter – nun wird sie praktisch überzeugend.

ab 1919

Hanns von Schertel experimentiert

Der deutsche Ingenieur beschäftigt sich früh mit dynamischem Auftrieb im Wasser und entwickelt über viele Versuchsträger hinweg ein eigenes Tragflügelsystem.

1937

Schertel + Sachsenberg

Mit Gotthard Sachsenberg entsteht das Schertel-Sachsenberg-Schnellboots-Konsortium. Die Werft in Roßlau an der Elbe wird zu einem wichtigen Ort der deutschen Tragflügelentwicklung.

1952/53

Vom deutschen Ansatz zum Passagierdienst

Nach dem Krieg wird die Entwicklung in der Schweiz mit Supramar fortgesetzt. Der PT 10 „Freccia d’Oro“ geht 1953 auf dem Lago Maggiore in planmäßigen Passagierbetrieb.

1954

WSS 10 aus Hamburg

Friedrich Hermann Wendel entwickelt das „Wendel-Schnellschiff“. Die WSS 10 fährt in den 1950er- und 1960er-Jahren als Versuchsfahrzeug auf Elbe und Weser und erreicht etwa 25–30 kn.

1965

TRAF 1 und TRAF 2: Tragflügel-Schnelldienst auf der Unterelbe

HADAG bringt zwei Seaflight-P46-Tragflügelboote nach Hamburg. Über die gemeinsam mit Ulrich Harms gegründete Deutraf entsteht eine schnelle Verbindung zwischen Hamburg und Schulau. Die 30-sitzigen Boote verkehren zeitweise im Halbstundentakt; 1968 werden sie aufgelegt und 1971 nach Griechenland verkauft.

2012/13

Die Segelwelt hebt ab

Foiling erreicht mit den AC72-Katamaranen den America’s Cup. Seitdem wird das Prinzip in immer mehr Segel- und Boardsportarten sichtbar.

Schertel-Sachsenberg

Selbststabilität durch V-Foils

Bei oberflächendurchstoßenden V-Tragflächen ändert sich beim Eintauchen die wirksame Foilfläche. Das kann eine passive stabilisierende Rückkopplung erzeugen – ein wichtiger Vorteil, bevor schnelle elektronische Regelungen verfügbar waren.

WSS 10 · Hamburg

Ein erhaltenes Stück Elbgeschichte

Die WSS 10 wurde in Hamburg gebaut und als Versuchsfahrzeug auf Elbe und Weser eingesetzt. Heute ist sie ein Exponat des Deutschen Schifffahrtsmuseums in Bremerhaven.

LÄNGE
9,20 m
TEMPO
25–30 kn
FAHRGÄSTE
5–8
BAUJAHR
1954

Eine frei lizenzierte Fotografie der WSS 10 kann später leicht ergänzt werden; die Seite funktioniert derzeit vollständig ohne externe Bilddateien.

Ausgewählte Typen

Vom PT 10 zum Jetfoil

Die Entwicklung verlief nicht als eine einzige Baureihe, sondern in mehreren Konstruktionstraditionen. Die Auswahl zeigt, wie Tragflügelboote vom kleinen Pionierfahrzeug zu schnellen Fähren mit weit über hundert Fahrgästen wurden.

1952 / DIENST AB 1953
Supramar PT 10
Freccia d’Oro · erster planmäßiger Personendienst
Kapazität32
Reise35 kn
AB 1955
Supramar PT 20
größere Serienfähre des Schertel-Sachsenberg-Prinzips
Kapazität72
Reise34 kn
AB 1957
Raketa
sowjetischer Fluss- und Seentyp · in großer Stückzahl gebaut
Kapazität58–64
Reise≈32 kn
AB 1958
Supramar PT 50
größerer Passagiertyp für internationale Fährverbindungen
Kapazität140
Reise34 kn
HAMBURG · 1965
Seaflight P46
TRAF 1 & TRAF 2 · HADAG/Deutraf auf Hamburg–Schulau
Kapazität30
Reise34 kn
AB 1974
Boeing Jetfoil 929
voll getauchte Foils · große Hochgeschwindigkeitsfähre
Kapazität190–284
Reise42 kn

Zahlen gerundet bzw. als typische Hersteller-/Literaturangaben der jeweiligen Ausführung. Die Typenlinie ist bewusst eine Auswahl und keine vollständige Genealogie.

03 · Elbe

Tragflügel – oder doch Gleitboot?

Die Elbe ist gleich mehrfach interessant: als Entwicklungsraum des Schertel-Sachsenberg-Systems, als Testrevier der WSS 10 und – tatsächlich – als Strecke eines kurzen kommerziellen Tragflügel-Schnelldienstes mit TRAF 1 und TRAF 2.

Wichtig für die historische Genauigkeit: Die Dresdner Schnellboote NEWA und MOSKWA, die ab 1975/76 zwischen Dresden und Bad Schandau fuhren, waren sowjetische Gleitboote des Typs „Sarja“ mit Wasserstrahlantrieb – keine Tragflügelboote. Sie schafften die Strecke in etwa 90 Minuten, wurden aber wegen hohen Kraftstoffverbrauchs, Lärm, Wellenschlag und ungünstiger Bedingungen auf der kurvenreichen Elbe bereits 1981 aus dem Fahrplan genommen.
BauartWas trägt das Fahrzeug?Was passiert bei höherem Tempo?
VerdrängerHydrostatischer Auftrieb des RumpfsRumpf bleibt im Wasser; Wellen- und Reibungswiderstand bleiben prägend.
GleitbootDynamischer Druck an der RumpfunterseiteDer Rumpf hebt sich teilweise und „gleitet“, bleibt aber großflächig mit dem Wasser in Kontakt.
TragflügelbootDynamischer Auftrieb an separaten UnterwasserflügelnDer Rumpf kann nahezu vollständig aus dem Wasser kommen; Foils und Streben tragen das Fahrzeug.
ELBE · 1930ER

Roßlau: Entwicklung am Fluss

Die Sachsenberg-Werft in Roßlau lag direkt an der Elbe. Hier erhielt Schertels Ansatz die industrielle Schiffbaukompetenz, aus der das Schertel-Sachsenberg-System hervorging.

UNTERELBE · 1965–1968

TRAF 1 & TRAF 2: ein echter Schnelldienst

1965 nahm die HADAG zwei in Messina gebaute Seaflight-P46-Tragflügelboote in den Hamburger Verkehr auf. Für den Schnelldienst gründete die HADAG zusammen mit dem Bergungsunternehmer Ulrich Harms die Deutraf GmbH & Co. KG. TRAF 1 und TRAF 2 fuhren zwischen dem Hamburger Zentrum und Schulau zeitweise im Halbstundentakt. Die Elbe erwies sich mit dichtem Kleinschiffsverkehr und Treibgut jedoch als schwieriges Revier: 1968 wurden die Boote aufgelegt, 1971 nach Griechenland verkauft.

Ein geplanter Tragflügel-Schnelldienst nach Helgoland wurde nicht verwirklicht. Damit sind TRAF 1 und TRAF 2 ein besonders anschauliches, aber nur kurzes Kapitel der Hamburger Verkehrsgeschichte.

04 · Heute

Vom Schnellboot zum Sportgerät.

Das Grundprinzip blieb gleich; Material, Regelung und Maßstab änderten sich. Carbonfasern und präzise Profile brachten die Technik vom Passagierschiff zum Segelboot und schließlich unter ein Surfboard.

PUMP

Pump-Foil

Durch rhythmisches Be- und Entlasten verändert der Fahrer Bahn und Anstellwinkel des Foils. So lässt sich Geschwindigkeit erhalten – ganz ohne Segel oder Motor.

SURF / WING

Foilboard

Welle, Wing oder Kite liefert Vortrieb. Das Board verlässt die Wasseroberfläche und fährt deutlich ruhiger über kurzen Chop.

SEGELN

Moth & AC75

Vom Einhand-Dinghy bis zum America’s Cup: Foils reduzieren den hydrodynamischen Widerstand so stark, dass Segelboote Geschwindigkeiten erreichen, die weit über klassische Verdrängerfahrt hinausgehen.

E-FOIL

Elektrisch

Ein Elektromotor am Foil liefert den Vortrieb. Die Idee des Tragflügelboots wird damit buchstäblich zum persönlichen Wasserfahrzeug.

05 · Technik

Warum fahren nicht alle Schiffe auf Foils?

Der große Gewinn entsteht nur in einem geeigneten Betriebsbereich. Tragflügel reduzieren nicht „den Widerstand an sich“ – sie verschieben ihn vom Rumpf zu einem kleineren, hoch belasteten Flügelsystem.

Gewinn

  • weniger benetzte Rumpffläche und deutlich weniger Rumpfreibung
  • geringere vom Rumpf erzeugte Wellen bei foilbornem Betrieb
  • hohe Geschwindigkeit bei relativ kleiner Wasserberührungsfläche
  • ruhigeres Verhalten in kurzen Wellen, wenn der Rumpf über ihnen bleibt
  • bei modernen Systemen sehr präzise aktive Regelbarkeit

Preis

  • Foil- und Strebenwiderstand bleibt bestehen und kann bei niedriger Fahrt nachteilig sein
  • hohe Strukturkräfte, komplexe Mechanik und Wartung
  • Empfindlichkeit gegenüber Treibgut, Grundberührung und Bewuchs
  • Kavitation und Ventilation begrenzen hohe Geschwindigkeiten
  • bei voll getauchten Foils ist meist eine aktive Höhen- und Lageregelung nötig

„Foiling“ ist keine neue Physik. Neu sind Materialien, Sensorik, Regelung – und die Fähigkeit, dieselbe Idee vom Passagierschiff bis unter ein Surfboard zu skalieren.

Genau dieser Bogen macht das Thema für eine Webseite attraktiv: Eine technische Idee wandert durch ein Jahrhundert und taucht heute in einer völlig anderen kulturellen Welt wieder auf.